{"id":10313,"date":"2025-04-12T06:01:31","date_gmt":"2025-04-12T04:01:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/?p=10313"},"modified":"2025-04-11T10:28:15","modified_gmt":"2025-04-11T08:28:15","slug":"yuily-schepetkin-aus-dem-krieg-nach-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/2025\/04\/12\/yuily-schepetkin-aus-dem-krieg-nach-deutschland\/","title":{"rendered":"Yuily Schepetkin: Aus dem Krieg nach Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit Kriegsbeginn sind mehr als tausend Menschen aus der Ukraine in Deutschland wegen ihrer Kriegsverletzungen behandelt worden. Yuily Schepetkin ist einer von ihnen. Er ist durch eine Landmine schwer verletzt worden und schlie\u00dflich ins Klinikum G\u00fctersloh eingeliefert worden.<\/strong><\/p>\n<p>Yuily Schepetkin hat fast keine milit\u00e4rische Ausbildung. Trotzdem f\u00e4hrt er am 9. September in der N\u00e4he von Kurachowe in der Ukraine mit einem Pickup zwischen den Frontlinien hin und her, um Material zu transportieren. Sein Fahrzeug ger\u00e4t auf eine Landmine, die explodiert. \u201eDas war vermutlich eine Panzerabwehrmine, mein Fahrzeug war nicht gepanzert, ich hatte keine Chance\u201c, erinnert er sich. Der Pickup wird durch die Luft geschleudert. Seine zwei Begleiter bleiben wie durch ein Wunder unverletzt. Yuily Schepetkin erleidet schwere Knochenbr\u00fcche, sein rechter Fu\u00df ist zerfetzt, sein linker schwer verletzt.<\/p>\n<p>Jetzt liegt er im Klinikum G\u00fctersloh. Die \u00c4rzte haben seine Br\u00fcche versorgt, seinen linken Fu\u00df konnten sie retten, den rechten werden sie nicht retten k\u00f6nnen. Der Fu\u00df muss amputiert werden. Zu stark sind die Verletzungen an Gewebe und Fu\u00dfwurzelknochen.<\/p>\n<p>Yuily Schepetkin ist vor drei Jahren freiwillig zum Milit\u00e4r gegangen. Als die russische Armee im Februar 2022 von Wei\u00dfrussland aus auf Kiew zumarschiert ist, war seine Heimatstadt Bravari eine der letzten Bastionen vor der Hauptstadt. \u201eIch wollte nicht l\u00e4nger tatenlos zusehen, wie wir \u00fcberfallen werden, ich wollte meine Familie und meine Freunde sch\u00fctzen\u201c, sagt er. Ein paar Tage wurde er ausgebildet, dann ging es an die Front. Zuerst nach Bachmut, dann nach Wuhledar im Osten der Ukraine. Yuily Schepetkin bringt Medikamente und Material zu den Soldaten an die Front und transportiert Verletzte hinter die Frontlinien \u2013 bis er mit seinem Pickup \u00fcber die Mine f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Nach seiner schweren Verletzung beginnt f\u00fcr den 33-J\u00e4hrigen eine Odyssee durch verschiedene Krankenh\u00e4user in der Ukraine. Zun\u00e4chst wird er in ein Milit\u00e4rkrankenhaus in der N\u00e4he der Front im Osten der Ukraine gebracht, wo die Blutungen gestillt und der Bruch seines Oberschenkels notd\u00fcrftig versorgt wird. Dann geht es weiter in ein Milit\u00e4rkrankenhaus in die Stadt Saporischschja, zwei Stunden westlich von Donezk, wo die \u00c4rzte die Br\u00fcche seiner F\u00fc\u00dfe versorgen. Schlie\u00dflich landet er in einem zivilen Krankenhaus in der N\u00e4he von Kiew, wo die \u00c4rzte ihn insgesamt elfmal operieren, ohne Erfolg. \u201eEine Krankenpflegerin musste zwischen 40 und 50 Patienten versorgen, die Fenster waren teilweise kaputt, die Geb\u00e4ude schwer besch\u00e4digt und es war \u00fcberall kalt. Ich bin dem Arzt so lange auf die Nerven gegangen, bis er den Antrag f\u00fcr meine Verlegung nach Deutschland ausgef\u00fcllt hat.\u201c Seine Finger zittern, wenn er diese Geschichte erz\u00e4hlt. Denn er hat in diesem Krieg mehr als einmal erfahren, dass ein Zufall dar\u00fcber entscheiden kann, ob man \u00fcberlebt oder stirbt.<\/p>\n<p>\u00dcber eintausend kriegsversehrte Menschen aus der Ukraine sind inzwischen in Deutschland versorgt worden. Koordiniert wird die Verlegung von Verletzten aus der Ukraine nach Deutschland vom Bundesamt f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Hier angekommen, wird nach dem sogenannten Kleeblatt-Prinzip verteilt, das sich w\u00e4hrend der Pandemie bew\u00e4hrt hat. Alle beteiligten Kliniken geh\u00f6ren zum Trauma-Netzwerk, dass die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Unfallchirurgie (DGU) zur Versorgung Schwerverletzter aufgebaut hat. Viele Kriegsverletzte kommen mit gebrochenen Knochen und zertr\u00fcmmerten Gelenken, zerfetzten Blutgef\u00e4\u00dfen, abgerissenen Gliedma\u00dfen, Splittern im K\u00f6rper und infiziertem Gewebe an: \u201eSolche Verletzungen sieht man in Deutschland normalerweise nicht, sie bedeuten in der Regel gro\u00dfe Sch\u00e4den mit viel Blutverlust\u201c, erkl\u00e4rt Dr. med. Philipp Bula, Chefarzt der Klinik f\u00fcr Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Orthop\u00e4die, Plastische-, \u00c4sthetische- und Handchirurgie. Er hat bereits in seiner Zeit am Klinikum Dresden-Friedrichsstadt Erfahrungen in der Versorgung von Kriegsverletzten gesammelt. \u201eDie ukrainischen \u00c4rztinnen und \u00c4rzte arbeiten unter hoher Belastung, f\u00fcr aufwendige Operationen oder gar eine Prothesenversorgung fehlen die Kapazit\u00e4ten. Das bedeutet aber auch, dass wir als behandelnde \u00c4rzte in Deutschland vor einer komplexen Aufgabe stehen, weil wir Menschen, denen K\u00f6rperteile fehlen und die zum Teil mit multiresistenten Keimen belastet sind, bestm\u00f6glich helfen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die Behandlung braucht es neben medizinischem Personal auch Menschen, die dolmetschen, und psychologische Betreuung, au\u00dferdem f\u00e4llt jede Menge B\u00fcrokratie an. \u201eDas ist nicht nur medizinisch, sondern auch strukturell eine Herausforderung\u201c, erkl\u00e4rt Chefarzt Bula. Die Patienten aus der Ukraine haben kein Zuhause in Deutschland, wo sie bis zur Operation bleiben k\u00f6nnten. Die Stadt G\u00fctersloh k\u00fcmmert sich um die Anmeldung der Patienten zur Krankenversicherung.<\/p>\n<p>Yuily Schepetkin hat Gl\u00fcck gehabt. Es geht ihm trotz seiner schweren Verletzungen inzwischen mental und k\u00f6rperlich gut. Die Wunden an seinem linken Fu\u00df werden so gut verheilen, dass er mit einem orthop\u00e4dischen Schuh gut gehen k\u00f6nnen wird. F\u00fcr den linken Fu\u00df wird nach der Amputation eine Prothese angefertigt, die ihm ein Leben ohne Rollstuhl erm\u00f6glicht. Dr. Philipp Bula: \u201eWenn der Krieg irgendwann vorbei ist, m\u00fcssen diese Menschen wieder in der Lage sein, ein normales Leben zu f\u00fchren und zum Beispiel k\u00f6rperlich zu arbeiten, wir tun alles daf\u00fcr, damit das m\u00f6glich ist.\u201c<\/p>\n<p>Yuily Schepetkin war vor dem Krieg Tischler. \u201eDa muss ich den ganzen Tag auf zwei Beinen stehen und in der Lage sein, zu gehen.\u201c Er ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei S\u00f6hne. \u201eMein Lohn hat schon vor dem Krieg gerade f\u00fcr das N\u00f6tigste gereicht, eine Behinderung kann ich mir nicht leisten.\u201c Wenn seine Behandlung \u00fcberstanden ist, will er nicht mehr zur\u00fcck an die Front. \u201eIch habe getan, was ich konnte, jetzt ist es genug. Heute Morgen habe ich die Nachricht bekommen, dass zwei von meinen Freunden gefallen sind. Wenn wir die Gebiete, f\u00fcr die wir jetzt drei Jahre lang gek\u00e4mpft haben, jetzt doch an Russland verlieren, wie sinnlos ist dann unser Kampf gewesen?\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-10315\" src=\"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_2_DSC05437.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_2_DSC05437.jpg 1000w, https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_2_DSC05437-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_2_DSC05437-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-10316\" src=\"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_3_DSC05428.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_3_DSC05428.jpg 1000w, https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_3_DSC05428-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_3_DSC05428-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ukraine_3_DSC05428-768x1152.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p>Yuily Schepetkin ist einer von \u00fcber tausend Kriegsverletzten, die mit schweren Verletzungen nach Deutschland gekommen sind.<\/p>\n<p>(Fotos: Klinikum G\u00fctersloh)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Seit Kriegsbeginn sind mehr als tausend Menschen aus der Ukraine in Deutschland wegen ihrer Kriegsverletzungen behandelt worden. Yuily Schepetkin ist einer von ihnen. Er ist durch eine Landmine schwer verletzt worden und schlie\u00dflich ins Klinikum G\u00fctersloh eingeliefert worden. Yuily Schepetkin hat fast keine milit\u00e4rische Ausbildung. Trotzdem f\u00e4hrt er am 9. September in der N\u00e4he von <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/2025\/04\/12\/yuily-schepetkin-aus-dem-krieg-nach-deutschland\/\" title=\"Yuily Schepetkin: Aus dem Krieg nach Deutschland\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":10314,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-10313","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-guetersloh"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10313","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10313"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10317,"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10313\/revisions\/10317"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10314"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.marktplatz-hsw.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}